Wie der Name Sachsen elbaufwärts gewandert ist
In Meißen, heute Wiege Sachsens genannt, steht ein Denkmal von Heinrich I,
der im Jahr 919 als Sachsen-Herzog deutscher König geworden war.
In dem vorhergehenden Satz kommt zweimal das Wort Sachsen vor, und es ist nicht dasselbe gemeint. Zwischen dem einen Sachsen und dem anderen Sachsen liegen
Jahrhunderte deutscher Geschichte und dieses Wandern des Namens Sachsen.
Am besten verfolgen läßt sich das anhand der Geschichte des
Titels "Herzog von Sachsen" (DUX SAXONIAE, Duke of Saxony).
Es ist nicht die Geschichte über Vorfahren, denn nicht die Sachsen sind gewandert, sondern ein Titel wanderte durch die Zeit über Länder und Menschen hinweg.
|
Das alte Stammesherzogtum Sachsen nimmt das Gebiet des heutigen
Niedersachsen, Westfalen und Holstein ein; von der Nordsee bis zum Harz. Dort entsteht der Titel Herzog von Sachsen, zunächst als in Kriegszeiten gewählter Heerführer (? Herzog = der vor ihnen her zog). Einer der letzten dieser Art ist Herzog Widukind, bekannt aus dem Verteidigungs- Kampf gegen Karl den Großen. Karl ist der größte Sachsenfeind.
Dann wandelt sich die Bedeutung des Herzogs von der Heerschaft zur
Herrschaft, sogar vererbbar.
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Herzog von Sachsen:
* Widukind +807
* ...
* - 866 Liudolf +866 (Liudolfinger)
* 866- 880 Bruno +880
* 880- 912 Otto der Erlauchte +912
* 912- 936 Heinrich I +936 (dt.König ab 919)
* 936- 960 Otto der Große +973 (dt.König und ab 962 röm.Kaiser)
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Mit Heinrich und Otto gibt es schon eine leichte Bewegung bzw. Erweiterung von Sachsen in Richtung Süd-Ost. Ihre Aufenthaltsorte sind verschiedene Pfalzen, z.B. Memleben bei Naumburg. Der Lieblingsort von Heinrich scheint Quedlinburg zu sein, und Magdeburg der Lieblingsort von Otto.
Otto der Große widmet sich in Italien seiner Kaiser-Idee und delegiert die
Lokalpolitik an Hermann Billung, er übergibt ihm 960 das Herzogtum Sachsen.
Hermann Billung stirbt 973 in Quedlinburg. Für weitere vier Generationen
bleibt der Titel Herzog von Sachsen im Geschlecht der Billunger.
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Herzog von Sachsen:
* 960- 973 Hermann Billung + 973
* 973-1001 Bernhard I +1001
* 1001-1059 Bernhard II +1059
* 1059-1071 Ordulf +1071
* 1071-1106 Magnus +1106 (letzter Billung)
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Nach dem Aussterben der Billunger 1106 verleiht der Kaiser (Heinrich V
Salier) das Herzogtum Sachsen an Lothar von Supplinburg. Dessen Name kommt
vom Stammhaus seines Geschlechts, Schloß Süpplingenburg im
braunschweigischen Kreis Helmstedt.
1125 erlangt Lothar als Lothar III selbst die Kaiserkrone. Das Herzogtum
Sachsen übergibt er deshalb 1127 an seinen Schwiegersohn, Heinrich den
Stolzen. Nach Lothars Tod 1137 verweigert Heinrich der Stolze dem neuen
Kaiser (Konrad III Staufer) die Huldigung. Dieser erklärt ihn in die Acht,
entzieht ihm das Herzogtum Sachsen und verleiht es 1138 an Albrecht den
Bären. In dem darüber ausbrechenden Kampfe behauptet Heinrich der Stolze
Sachsen und stirbt in Quedlinburg 1139. Albrecht der Bär muß nun gegen
Heinrich den Löwen weiterkämpfen, das ist der Sohn von Heinrich dem Stolzen.
Kaiser Konrad vermittelt 1142 einen Frieden,
Heinrich der Löwe bekommt das Herzogtum Sachsen, und Albrecht der Bär
bekommt eine Entschädigung.
Durch unmögliches Verhalten gerät Heinrich der Löwe in Widerspruch zum
neuen Kaiser Friedrich I Barbarossa, der verhängt 1180 über Heinrich den
Löwen die Reichsacht, womit alle Lehen, auch das Herzogtum Sachsen, an
den Kaiser zurückfallen. Sachsen wird nun zerschlagen. Viele Teile
werden selbständige Herrschaftsgebiete. Im südlichen Westfalen z.B. geht
einiges an das Erzbistum Köln.
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Herzog von Sachsen:
* 1106-1127 Lothar von Supplinburg +1137 (dt.König und röm.Kaiser)
* 1127-1138 Heinrich der Stolze +1139 (Welfe, auch Herzog von Bayern)
* 1138-1142 Albrecht der Bär +1170 (Askanier, auch Markgraf von Brandenburg)
* 1142-1180 Heinrich der Löwe +1195 (Welfe, auch Herzog von Bayern)
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Die östlichen Lande von Sachsen sowie Name und Würde des Herzogtums
Sachsen gehen über auf Bernhard Graf von Askanien. Das ist damit von
den ursprünglichen Gebieten Sachsens abgetrennt.
Der Name Askanien bezieht sich auf eine ehemalige Burg westlich von
Aschersleben. Auch Ballenstedt spielt in askanischer Geschichte eine Rolle.
Bernhard von Askanien stirbt 1212. Sein Schild ist noch heute sächsisches
Landeswappen. Durch Landesteilungen in den nachfolgenden Generationen
(Abspaltung von Lauenburg) reduziert sich der mit dem Titel Herzog von
Sachsen verbundene Teil auf ein noch kleineres Territorium um den Hauptort
Wittenberg.
In der Zeit des 13./14. Jahrhundert erhält der Titel "Herzog von Sachsen"
eine große Aufwertung, er steigt in die oberste Riege der Reichsfürsten
auf. Kaiser Karl IV bestätigt 1356 per Gesetz (Goldene Bulle) dem Herzog
von Sachsen in Wittenberg eine Kurwürde. Sieben Kurfürsten sollen den
deutschen König wählen. Mit der sächsischen Kurwürde ist das bedeutende
Ehrenamt des Erzmarschalls verbunden.
(Die Schwert-Symbolik des Erzmarschalls findet sich auch im Wappen wieder
und zeigt sich heute noch als Markenzeichen des Meißner Porzellans.)
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Herzog von Sachsen:
* 1180-1212 Bernhard von Askanien +1212
* 1212-1261 Albrecht I +1261 (Kurfürst ab 13 Jh.)
* 1261-1298 Albrecht II
* 1298-1356 Rudolf I
* 1356-1370 Rudolf II (Goldene Bulle bestätigt Kurfürst)
* 1370-1388 Wenzel
* 1388-1419 Rudolf III
* 1419-1422 Albrecht III (letzter askanischer Herzog von Sachsen)
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Schon 1212 beim Tode von Herzog Bernhard hatte sich durch Erbteilung bei
den Askaniern die Linie des späteren "von Anhalt" abgespalten. Die daraus
entstehenden anhaltinischen Fürstentümer (Aschersleben, Bernburg, Zerbst,
Dessau) gelten als eigentliche Nachfolge der Askanier.
Der Zweig des Herzogtums Sachsen (Wittenberg) stirbt im Jahr 1422 aus. Das
Reichslehen "Herzog von Sachsen" fällt an den Kaiser zurück (damals
Sigismund, Haus Luxemburg).
Der Kaiser verleiht den Titel Herzog von Sachsen mitsamt dem damit
verbundenen Kurfürstentitel und dem Erzmarschall-Amt an den
Markgraf von Meißen, Friedrich den Streitbaren (Haus Wettin).
Das Wittenberger Gebiet verschmilzt daraufhin mit den Gebieten der Mark
Meißen.
Die Wettiner waren über viele Generationen hinweg seit 1089 fast durchgängig
Markgrafen von Meißen. Ihr Name kommt von der Stammburg Wettin an der
Saale.
Die neue Kurwürde und der Herzogstitel überstrahlen den bisherigen Rang als
Markgraf von Meißen weit. Im Verlauf des 15.Jahrhunderts spricht man
zunehmend von "Sachsen", wenn man die Markgrafschaft Meißen meint. Dieser
neu entstehende Name Sachsen bezieht zunächst auch Thüringen mit ein. Der
Hauptort wechselt dann von Meißen noch einmal 25 km elbaufwärts nach Dresden.
Weitere bedeutende Ereignisse:
-
Unglücklicherweise teilen 1485 die Brüder Ernst und Albrecht das Land.
Die Teilung erfolgt nach sächsischem Recht folgendermaßen: Der Ältere legt die beiden Teile fest und der Jüngere wählt sich einen davon aus.
Es entsteht der albertinische und der ernestinische Zweig des wettinischen Herzogtums Sachsen.
Zum Ernestinischen gehört der Kurfürstentitel und die westlichen Landesteile (daraus entsteht Geschichte von Thüringen), Wittenberg wird wieder Kurfürsten-Sitz.
Zum Albertinischen gehören die östlichen Landesteile (Geschichte des heutigen Sachsens).
-
Die Reformation wird zuerst im ernestinischen Herzogtum Sachsen eingeführt, im albertinischen erst 1539, 22 Jahre nach Luthers Thesenanschlag.
-
Im Schmalkaldischen Krieg 1547 kämpft der albertinische Herzog Moritz gegen seinen ernestinischen Vetter Johann Friedrich den Großmütigen, beide protestantisch. Moritz kämpft auf der Seite des katholischen Kaisers, er wird deshalb genannt Judas von Meißen. Johann Friedrich wird besiegt, verliert große Teile seines Landes und den Kurfürstentitel. Das alles bekommt nun Moritz. So wird das albertinische Kurfürstentum Sachsen begründet.
-
Die Ernestiner (Herzog von Sachsen, ernestinische Linie):
Nach der Niederlage wird Weimar Residenz des den Ernestinern verbleibenden Besitzes. Da sie die an die Kurwürde gebundene Primogeniturregelung nun nicht mehr beachten und das Land beim Tod des Vaters unter alle Söhne
aufteilen, kommt es bald zu einer weiten Zersplitterung des Landes. Es entstehen die vielen wechselnden thüringischen Kleinstaaten. Bei der Auflösung des alten Staats-Systems 1918 sind davon noch vier übrig:
• Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach,
• Herzogtum Sachsen-Meiningen,
• Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha,
• Herzogtum Sachsen-Altenburg.
-
Die Albertiner (Herzog von Sachsen, albertinische Linie),
seit 1547 auch Kurfürst, bauen ihre Residenz in Dresden aus. Als 1806 das alte deutsche Reich endet, wird der Titel Kurfürst sinnlos. Der Kaiser Napoleon erhebt den Kurfürst von Sachsen zum König von Sachsen. Dies bleibt auch nach Napoleons Ende 1815 anerkannt. Das Land verliert durch den Wiener Kongreß große Gebiete an Preußen. Das wiederum kann auch als Gesund-Schrumpfen angesehen werden, die Sand-Gegenden werden abgegeben, und in den folgenden Jahrzehnten entwickelt sich der verbleibende Kern zu einem bedeutenden Industriegebiet Deutschlands.
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Herzog von Sachsen (Haus Wettin):
* 1423-1428 Friedrich der Streitbare (seit 1415 Markgraf von Meißen)
* 1428-1445 Friedrich der Sanftmüthige und Wilhelm III
* 1445-1464 Friedrich der Sanftmüthige
* 1464-1485 Ernst und Albrecht (gemeinsam, dann Teilung)
* 1486-1500 Albrecht der Beherzte
* 1500-1539 Georg der Bärtige
* 1539-1541 Heinrich der Fromme
* 1541-1553 Moritz (ab 1548 auch Kurfürst von Sachsen wie die folgenden)
* 1553-1586 August (Vater August)
* 1586-1591 Christian I
* 1591-1611 Christian II
* 1611-1656 Johann Georg I
* 1656-1680 Johann Georg II
* 1680-1691 Johann Georg III
* 1691-1694 Johann Georg IV
* 1694-1733 August der Starke (1697-1706 und 1709-1733 auch König von Polen)
* 1733-1763 Friedrich August II (1734-1763 auch König von Polen)
* 1763 Friedrich Christian
* 1763-1827 Friedrich August der Gerechte (ab 1806 vom Kurfürst zum König von Sachsen)
* 1827-1836 Anton der Gütige
* 1836-1854 Friedrich August II
* 1854-1873 Johann
* 1873-1902 Albert
* 1902-1904 Georg
* 1904-1932 Friedrich August III, König von Sachsen bis 1918
* 1932-1968 Friedrich Christian, Herzog zu Sachsen und Markgraf von Meißen
* ab 1968 Maria Emanuel, Herzog zu Sachsen und Markgraf von Meißen
* für die Nachfolge vorgesehen: Prinz Alexander von Sachsen-Gessaphe
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Herzog von Sachsen:
Die ersten Ernestiner nach der Teilung
* 1486 Ernst der Fromme, Kurfürst von Sachsen
* 1486-1525 Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen
* 1525-1532 Johann der Beständige, Kurfürst von Sachsen
* 1532-1554 Johann Friedrich der Großmüthige, bis 1547 Kurfürst von Sachsen
Beginn der Zersplitterung der Ernestinischen Lande
<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<<
Anwartschaft
Im Rahmen der Theorie der Anwartschaft führen den Titel "Herzog von Sachsen" jeweils nicht nur ein Sohn als Nachfolger, sondern alle Söhne, und von denen auch wieder alle Söhne. Jeder, dessen Vorfahr einmal tatsächlich Herzog von Sachsen war, führt auch den Titel Herzog von Sachsen.
Die Anzahl dieser Personen wächst erheblich, gleichzeitig aber auch deren Bedeutungslosigkeit.
Weitere Ereignisse:
-
Das Königreich Sachsen wird 1815 Mitglied des Deutschen Bundes, 1866 Mitglied des Norddeutschen Bundes und 1871 Mitglied des Deutschen Reiches.
-
1918 endet das Zeitalter der Fürsten, Herzöge usw.
Der sächsische König Friedrich August III dankt am 13.11.1918 ab.
-
Sachsen wird 1919 Republik (Freistaat), eingegliedert in das neue Deutsche Reich nach Weimarer Verfassung. Es gibt einen Ministerpräsident von Sachsen, der häufig wechselt.
-
Im Dritten Reich bleibt das Land Sachsen erhalten, eine größere Bedeutung aber erhält der gebietsgleiche Gau Sachsen als Gliederung der Partei mit dem Gauleiter als Oberhaupt.
-
Nach Kriegsende 1945 gibt es einen Präsidenten der Landesverwaltung Sachsen, ab 1946 wieder Ministerpräsident des Landes Sachsen genannt. 1949 wird Sachsen ein Land der DDR.
-
Wieder eine Landesteilung: 1952 wird das Land Sachsen aufgelöst und im Zuge einer staatlichen Neugliederung zerteilt in die Bezirke Dresden, Leipzig und Chemnitz (1953 bis 1990 Karl-Marx-Stadt) .
Wieder ist es so, daß das staatliche Oberhaupt, der Vorsitzende des Rates des Bezirkes, weniger Bedeutung hat als der Erste Sekretär der Bezirksparteileitung.
-
Ein Volksaufstand mit politischem Umsturz in Ostdeutschland 1989 verläuft anfangs erfolgreich, endet aber durch Verrat unter den Politikern Modrow und DeMaiziere mit der Übergabe des Landes an Westdeutschland 1990.
-
1990 wird das Land Sachsen wiedereingeführt. Wie alle ostdeutschen Länder wird es der Herrschaft der Westdeutschen unterstellt, Diktatur des Kapitals. Diese neuen Machthaber bauen die Wirtschaft ab, zerstören die Industrie-Betriebe, führen die Arbeitslosigkeit ein und entvölkern das Land. Viele Gebiete veröden unter dieser Fremdherrschaft. Und schon wieder fungieren Partei-Karrieristen als Polit-Bonzen.
Folgende Abschnitte im Zusammenhang mit dem Namen Sachsen müßten noch ergänzt werden:
Angelsachsen
Siebenbürger Sachsen
Zipser Sachsen
Pfalz Sachsen
Niedersachsen
Preußische Provinz Sachsen
Sachsen-Anhalt
Besiedlung der Mark Meißen (heutiges Sachsen)
Sächsische Sprache
|
Querverweis: "Die Sachsen kommen" (dort insbesondere die Rubrik Geschichte und die Links)
|